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Jungfraumarathon Interlaken/ Schweiz 14.9.2013

Ein Bericht von Gabi Lipfert

Der Jungfrau-Marathon ist einer der Läufe, der seit ein paar Jahren auf meiner Wunschliste steht. Er wird als schönster Bergmarathon beworben. Dieses Jahr sollte es nun soweit sein. Gemeinsam mit „Möhrchen“ hatte ich ein Jahr vorher einen der limitierten Startplätze ergattert. Frühzeitig wurden dann Unterkunft und Flug gebucht.

Ja, trainiert habe ich natürlich auch. Ab dem Frühjahr 1x wöchentlich Bergtraining auf der Oderbruchkippe, zusätzlich zum normalen Training. Dann noch die Vorbereitungswettkämpfe Harzquerung, Rennsteiglauf und die Panoramatour in der Sächsischen Schweiz. Ein Wanderurlaub in den Dolomiten vier Wochen vorher sollte dann noch mal den letzten Schliff geben.
Eine Woche vorher dann der Schreck – Ischiasprobleme mit unangenehmen Schmerzen in rechter Pobacke und rechter Wade.Mein Arzt schaffte es jedoch, dass ich mir zutraute in die Schweiz zu fahren um zumindest erstmal an den Start zu gehen.

 So flogen Möhrchen und ich am Freitag früh nach Zürich. Von da ging es weiter mit der Bahn und dem ermäßigten „Jungfrau - Marathon - Ticket“ nach Interlaken, wo wir bereits um 12 Uhr eintrafen. Nach Belegung unseres Hotelzimmers, der Abholung der Startunterlagen machten wir noch einen Ausflug mit der Zahnradbahn auf eine Anhöhe mit herrlichen Blick auf Interlaken und die Berge Jungfrau, Mönch und Eiger.

 

Am Sonnabend standen wir dann pünktlich um 9 Uhr am Start, unweit hinter den Eliteläufern. Nicht, dass wir Größenwahnsinnig geworden wären, aber das war notwendig aufgrund der Zielschlusszeiten an den Kilometern 30 und 38, die Bruttozeiten sind. Ich fühlte mich gut, war aber angespannt ob es auch beim Laufen so bleiben würde oder doch die Schmerzen wiederkommen würden. Diese Sorge wurde mir jedoch nach den ersten Kilometern genommen. Keine Schmerzen, alles gut!

 

Wie bereits gesagt, gibt es bei diesem Marathon unterwegs Zielschlusszeiten die man unbedingt erreichen muss um nicht gnadenlos vorfristig aus dem Rennen genommen zu werden. Die erste Marke ist bei Kilometer 30 nach 4:10h und die nächste bei Kilometer 38 nach 5:35h. Das würde sich bei einem Flachmarathon nicht schwer anhören aber hier geht es ab Kilometer 25 eine Wand hoch und wenn man bedenkt, dass meine Bestzeit bei einem 30 km-Lauf knapp unter 3h liegt und das auch schon etwas länger her  ist... Meine Taktik war deshalb, auf den ersten 25 flachen Kilometern ein Zeitpolster im 6:30ér Schnitt herauszulaufen. Jetzt zeigte sich, dass ich gut trainiert war. Ich lief mühelos schneller. Bei 10 Kilometer war ich nach 01:01h und in Lauterbrunnen bei Halbmarathon nach 2:19. Die Stimmung in den großen Ortschaften war einfach nur toll, mit Musik, Kapellen, jubelnde Zuschauer. Auch das Wetter spielte mit. Strahlende Sonne, ab und zu ein leichter Wind und nicht heiß. Nach Kilometer 23 konnte ich nach einer Kurve „Möhrchen“ auf der anderen Talseite erkennen, die ca. 400m vor mir lief.

 

Bei Kilometer 25,6 war sie dann da die Wand, wie sie von allen genannt wird. Man sah sie schon von weiten. Jetzt ging’s los, im wahrsten Sinne des Wortes. Nun war für die nächsten 5 Kilometer nur noch Gehen angesagt. Ich hatte zwar ein Zeitpolster auf die Zielschlusszeit von 10min aber der psychische Druck nicht zu bummeln blieb trotzdem, zumal man sich jetzt auch richtig langsam fühlte. Es waren noch 17 Kilometer bis ins Ziel und dabei 1800 Höhenmeter zu überwinden. Wie lang kann doch 1 Kilometer sein! Ich denke mal gefühlte 4, denn die Kilometerangaben erfolgten von nun an alle 250m, also: 26,250m, 26.5m, 26,750m ... In Serpentinen stiefelte ich mit den anderen Läufern die Wand hoch. Laufen tat hier keiner von uns mehr. Bei etwa Kilometer 28 ereilte mich ein bereits seit einigen Marathons bekanntes Problemchen- mir wurde schlecht und ich musste mich übergeben. Sofort stürzte ein Sanitäter auf mich zu. Ich winkte aber gleich ab, denn mir ging es sofort wieder gut, so als wäre nichts geschehen. Ursache für alles, ist wohl Speichel der sich im Hals bildet und diesen Reiz auslöst.

 

Kilometer 30,2 Wengen ist erreicht und die erste Zielzeit. Die Stimmung im Ort ist einfach Klasse. Es scheint ein Volksfest zu sein. Wieder Musikkapellen, jubelnde Menschen und Begrüßung über Lautsprecher. Mit einer Zeit von 3:49:19h habe ich hier nun ein Zeitpolster von 20 Minuten auf den „Besenmann“. Damit habe ich 1:45h Zeit für die 8 Kilometer bis zur nächsten Zielzeit. Das sollte hoffentlich reichen!

 

Es geht weiter bergauf. Mehr gehen als laufen. Plötzlich, oh Schreck mein Fuß fängt an zu krampfen…schnell Gewichtsverlagerung und weiter. Immer häufiger deuteten sich Krämpfe an. Mal im linken oder rechten Fuß, mal in den Waden. Durch entsprechende Gegenbewegungen oder Auftritte konnte ich das jedoch so steuern, dass ich nicht stehen bleiben musste und nicht alles völlig verkrampfte. Diese Situation war für mich neu, hatte da hingehend noch nie Probleme. Das veranlasste mich dann auch dazu, an den wenigen kurzen Abschnitten, wo ich vielleicht auch hätte laufen können, doch lieber zu gehen.

 Dann auf einmal ein ganz lautes Krachen. Vom Berg auf der anderen Talseite ging eine Lawine runter. Ein Schneebrett stürzte zu Tal gefolgt von viel Wasser. Hier nahm ich mir mal die Zeit, das auf einem Foto festzuhalten.

 

Nach 5:18:40 h passierte ich dann „Wixi“ bei Kilometer 37,9. Das war die letzte Zielschlusszeit und noch 16 Minuten Zeitpolster! Nun konnte ich „entspannt“ die letzten 4 Kilometer zum Gipfel angehen. Also, gemeint ist hier der psychische Druck der nun weg war, ansonsten war es „hammerhart“. Der Weg war jetzt ein Pfad, der nur im Gänsemarsch absolviert werden konnte und nur noch steil nach oben ging und das 3 km lang. Gut, beim Brockenmarathon hat man das auch, jedoch da bereits nach 16km und nicht wie hier nach 38. So gönnte ich mir immer mal wieder ein paar Miniverschnaufpausen, indem ich 1- 3 Läufer vorbeiließ, um kurz durchzuschnaufen oder ein Foto von der herrlichen Bergwelt und Aussicht zu machen. Ansonsten musste ich jeden Schritt mit Bedacht setzen um die Intensität und Stärke der Krämpfe klein zu halten, die jetzt fast bei jedem Schritt auftraten. An der letzten Verpflegungsstelle vor dem Aufstieg auf die Moräne gaben Alphornbläser ihr Ständchen und später am höchsten Punkt, begrüßte uns traditionell der Dudelsackspieler.

 

Dann war endlich der höchste Punkt erreicht. Helfer stützen uns beim Hinunterklettern von einer Felsstufe und schickten uns auf den letzten Kilometer hinunter zum Ziel auf der Kleinen Scheidegg. Ein paar vorsichtige, lockere Laufschritte … es ging, keine Krämpfe! Ich lief, tat das gut …ich lief immer schneller, ging ja bergab. Die ganze Anspannung und Anstrengung viel ab und mir liefen die Tränen…. Nach 06:22:18 h überquerte ich die Ziellinie und fiel „Möhrchen“, die dort bereits schon 28 Minuten eher eingetroffen war, glücklich in die Arme.

 

Der Jungfrau - Marathon ist eine wirklich schöne Laufveranstaltung. Tolle Organisation, beste Stimmung, wunderschöne, interessante Strecke mit herrlichster Aussicht, jedoch hammerhart! Ich würde den Lauf, wenn ich ihn noch nicht gemacht hätte immer wieder machen... aber nur einmal.